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Artikel | 06/04/2019 06:00:00

Die Kreislaufwirtschaft – eine Säule der EU-Wirtschaftspolitik

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Megatrend in der Weltwirtschaft, hat sich aber auch schnell zu einem zentralen Element der europäischen Wirtschaftspolitik entwickelt. Das Ziel von Politikern und Unternehmen ist es, die Verwendung fossiler Rohstoffe durch Recycling und Wiederverwendung zu reduzieren und sie durch erneuerbare Alternativen zu ersetzen.

Die Europäische Kommission bereitet derzeit Gesetze vor, die das Recycling von ölbasierten Kunststoffen stärker fördern sollen. Wir behandeln das Thema mit Kommissionsvizepräsident Jyrki Katainen, um seine Erkenntnisse über die bevorstehende Gesetzgebung zu erfahren. „Wir arbeiten eng mit der Branche zusammen. Der von uns ins Leben gerufenen Allianz für die Kunststoffkreislaufwirtschaft gehören Vertreter aus der gesamten Wertschöpfungskette an. Ihre Aufgabe ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Wiedergewinnung, das Recycling und die Wiederverwendung von Kunststoffen in Europa verbessert werden können“, erklärt Katainen.

Katainen, dessen Ressort Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit umfasst, merkt an, dass Kunststoff ein vielschichtiges Material ist. Verpackungen tragen beispielsweise dazu bei, Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Gleichzeitig ist aber klar, dass der derzeitige Verbrauch von Kunststoff aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht unhaltbar ist.

„Mithilfe eines europäischen Standards möchten wir das Recycling und die Qualität von recyceltem Kunststoff verbessern und gleichzeitig sicherstellen, dass neue Kunststoffe keine gesundheitsschädigenden Substanzen enthalten, wenn sie für Dinge wie Lebensmittelver- packungen verwendet werden.“

Die Kunststoffstrategie der EU ist eine der Initiativen der Kommission zur Förderung der Kreislaufwirtschaft. Laut Katainen entspringt die Logik einer funktionellen Kreislaufwirtschaft der Marktwirtschaft. Die Kreislaufwirtschaft kann nur dann Erfolg haben und Wachstum schaffen, wenn sie in der gesamten Wertschöpfungskette zu wirtschaftlichen Gewinnen führt.

„Durch wirtschaftliche Anreize und neue Gesetze möchten wir Unternehmen dazu ermutigen, ihre linearen Geschäftsmodelle in eine Kreislaufwirtschaft umzuwandeln. Derzeit wird weniger als ein Drittel aller Kunststoffe zwecks Recycling gesammelt. Ich glaube jedoch, dass sich der Markt in naher Zukunft drastisch verändern wird“, so Katainen.

„Das Ziel der Kommission ist es, die Kapazität für das Kunststoff-Recycling bis zum Jahr 2030 zu vervierfachen. Ab diesem Zeitpunkt werden alle Kunststoffverpackungen, die auf den EU-Markt gelangen, recyclingfähig oder wiederverwendbar sein“, fügt er hinzu.

Bisher hat das EU-Forschungsprogramm „Horizont 2020“ mehr als 250 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung auf die verschiedenen Segmente der Kunststoffstrategie verteilt. Bis Ende 2020 werden weitere 100 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Wachstum für die Bioökonomie

Auch die Forstindustrie kann einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten. „Wir möchten die Bioökonomie noch tiefer in der Kreislaufwirtschaft verankern. Wir können fossile Rohstoffe durch Rohstoffe aus Biomasse ersetzen und hierdurch auch die Klimaziele der EU unterstützen“, so Katainen.

Rohstoffe auf biologischer Basis sind beispielsweise eine gute Alternative für ölbasierte Kunststoffe.

„Es gibt zwar viele biologisch abbaubare Kunststoffe auf dem Markt, aber erstens zerfallen sie nicht in einer natürlichen Umgebung und zweitens verursachen sie erhebliche Mengen an Mikroplastikabfall. Dadurch sind sie genauso schädlich wie andere Kunststoffe. Wir möchten neue Verordnungen ausarbeiten, damit Hersteller wissen, welche Arten von Kunststoffen in Zukunft auf den Markt gebracht warden dürfen“, sagt er.

Die Wiederverwertbarkeit von Produkten bessert sich auch mithilfe von Ökodesign. Die neuen Vorschläge der Kommission setzen beispielsweise voraus, dass Hersteller von Haushaltsgeräten die Energieeffizienz und Wiederverwertbarkeit ihrer Produkte verbessern.

„Für Geräte müssen Ersatzteile erhältlich sein, damit sie repariert warden können. Die Standards warden auch für importierte Waren gelten. Bei der Energieeffizienz ist diese Art von Gesetzgebung beispielsweise sehr gut aufgenommen worden“, fügt Katainen hinzu.

Bessere Überwachung

Die praktische Seite der Kreislaufwirtschaft ist in verschiedenen EU-Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt. „In Finnland beispielsweise leisten wir gute Arbeit beim Recycling von Flaschen und Dosen, aber beim Kunststoffabfall haben wir noch Defizite.Wir überwachen die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in der EU anhand von zehn Indikatoren. Die Überwachung basiert auf Daten von Eurostat. Die Mitgliedsländer haben auch eigene Indikatoren. Die Datenerfassung ist wichtig, weil sie es uns ermöglicht, die Durchsetzung von Gesetzen zu überwachen und festzustellen, ob gesetzliche Nachbesserungen notwendig sind.“

Katainen weist darauf hin, dass viele Bereiche des Regelwerks neu und noch nicht in Kraft sind. Die EU hat Gesetze verabschiedet, die besagen, dass bis zum Jahr 2035 nicht mehr als 10 Prozent des Hausmülls auf Mülldeponien landen dürfen.

„Die endgültigen Auswirkungen der Gesetze bleiben abzuwarten. Wenn Mitgliedsländer die Gesetze einhalten müssen, wird sich dies im Markt deutlich bemerkbar machen. Damit die

Implementierung auf nationaler Ebene effizient erfolgen kann, benötigen wir zumindest einen europaweiten Markt für recycelte Kunststoffe.“

Zunehmende Integration

Die EU beabsichtigt ferner, einen internationalen Markt für Produkte der Kreislaufwirtschaft zu schaffen. Dies ist eines der zentralen Themen bei Handelsgesprächen mit Ländern wie China und Japan.

China führte im Jahr 2017 erhebliche Beschränkungen für den Import von recyclingfähigen Rohstoffen ein. Daraufhin brach der Weltmarkt für recyclingfähige Materialien zusammen. Europa exportierte beispielsweise im vergangenen Jahr nur 5,1 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle nach China – etwa die Hälfte der Exporte im Vorjahr.

Katainen kann die Entscheidung Chinas nachvollziehen, weil das Land mit einem großen Abfallproblem konfrontiert ist. Die Reduzierung der Exporte hat das Kunststoffproblem Europas verschlimmert, aber gleichzeitig fördert sie das Recycling und die Wiederverwendung von Kunststoffen in Europa. Gleichzeitig hofft er, dass Kunststoffabfälle nicht in andere asiatische Länder exportiert werden, in denen die Umweltstandards lockerer sind.

Die Verschmutzung der Ozeane hat bei Kunststoff zum Umdenken geführt. Katainen weist darauf hin, dass der Großteil des Mülls in den Ozeanen Kunststoff ist, und das gilt auch für Abfälle aus der EU:

„Die Meeresverschmutzung führt zu ernsthaften Umweltproblemen, und Mikroplastik gefährdet auch die menschliche Gesundheit. Bürger und Politiker sind ausdrücklich für gesetzliche Änderungen, daher müssen wir die Gunst der Stunde nutzen.“

Nach Katainen ist die Gesetzgebung zur Kreislaufwirtschaft ein gutes Beispiel für die zunehmende Integration in Europa.

„Die Kreislaufwirtschaft ist außerdem ein wichtiger Bestandteil der Klimapolitik. Wenn die Gesetzgebung erfolgreich umgesetzt wird, wird auch die EU besser denn je funktionieren. Die Ablösung fossiler Rohstoffe durch neue Materialien muss nicht zwangsläufig zu höheren Kosten und einer geringeren Lebensqualität führen. Die Kreislaufwirtschaft kann auch als solide Grundlage für Wirtschaftswachstum dienen.“

 

Text: Vesa Puoskari